Jo Röttger: Über Wilson´s Word, deutsche Soldaten in Afghanistan und einen Fensterblick auf die Elbe

Ein Ateliergespräch mit dem Hamburger Fotografen Jo Röttger am Donnerstag, 16. Juni 2011 im Atelier von Wolfgang Beinert in Berlin. 

Kurz vorweg
Jo Röttger habe ich Anfang November 2009 bei einem Freund, dem Verleger Hannes Wanderer, in Berlin kennengelernt. Genauer gesagt bei der Präsentation seines Fotobuchs Wilsons´s Word, das bei Peperoni Books erschien. Dieser Bildband über den US-amerikanischen Theatermann, Regisseur und Tausendsassa Robert Wilson faszinierte mich auf Anhieb; und nicht nur, weil mich Robert Wilson´s vielseitiges Schaffen beeindruckt. Nein, das Buch vermittelte mir das Gefühl, dass streckenweise gar kein Fotograf bei den Aufnahmen anwesend war. Niemand, der Robert Wilson in seiner feinstofflichen Welt im Standby-Modus mit einem 24,5 Megapixel-CMIS-Bildsensor im FX-Format stört. Alle Aufnahmen sehen in diesem Buch so »nebenbei« aus, irgendwie friedlich.

Kurzum, es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich Jo Röttger bat, seine außerordentlichen Fotos sowie seine Betrachtungsweisen bei mir im Atelier vorzustellen …

 

Zum Thema
Jo Röttger wird sich in diesem Ateliergespräch insbesondere auf drei seiner Projekte konzentrieren: auf Wilson´s Word, Landscape & Memory und »Hamburg-Süd, ein Blick aus meinem Fenster«. Allerdings bat ich ihn, auch auf den sichtbaren Wandel im Bildjournalismus und in der Corporate Photography einzugehen, auf das Dilemma »Post-Produktion«, warum heute oft nur noch unbedeutende Corporate Magazine produziert werden und warum er sich entschieden hat, mehrheitlich nur noch eigene Projekte zu realisieren, die sich oft über Jahre hinweg erstrecken.

 

Jo Röttger: »Diese Reise durch Wilson´s Word war für mich Expedition, Wallfahrt und Bestätigung. Expedition in eine Kunstwelt, die für mich Neuland war, in der ich Menschen traf, die lieben was sie tun. Wallfahrt auf einem Weg durch eine Arbeitswelt der Akribie, in welcher jedes Detail beachtet wird, sei es das Setzen des Lichts, die Auswahl der Kostüme oder die Regie auch der kleinsten Bewegung der Schauspieler auf der Bühne. Bestätigung einer Fotografie, die einfach, direkt und unmittelbar all dies erfasst und darstellt«. Foto: © Jo Röttger, Hamburg.
Jo Röttger: »Diese Reise durch Wilson´s Word war für mich Expedition, Wallfahrt und Bestätigung. Expedition in eine Kunstwelt, die für mich Neuland war, in der ich Menschen traf, die lieben was sie tun. Wallfahrt auf einem Weg durch eine Arbeitswelt der Akribie, in welcher jedes Detail beachtet wird, sei es das Setzen des Lichts, die Auswahl der Kostüme oder die Regie auch der kleinsten Bewegung der Schauspieler auf der Bühne. Bestätigung einer Fotografie, die einfach, direkt und unmittelbar all dies erfasst und darstellt«. Foto: © Jo Röttger, Hamburg.

 

Jo Röttger begleitete über viele Jahre und Orte hinweg und den Theatermann Robert Wilson. Foto: © Jo Röttger, Hamburg.
Jo Röttger begleitete über viele Jahre und Orte hinweg und den Theatermann Robert Wilson. Foto: © Jo Röttger, Hamburg.

 

Andrzej T. Wirth zu Wilson´s Word: »(...) weder der Photograph noch sein Objekt nehmen Kenntnis voneinander. Es ist das Prinzip einer absoluten Diskretion, einer Distanz, unter dem Ausschluss der (gegenseitigen) Eitelkeit, das Prinzip sich (gegenseitig) nicht stören zu lassen (...)«. Foto: Robert Wilson in einer Hotelbar. Foto: © Jo Röttger, Hamburg.
Andrzej T. Wirth zu Wilson´s Word: »(…) weder der Photograph noch sein Objekt nehmen Kenntnis voneinander. Es ist das Prinzip einer absoluten Diskretion, einer Distanz, unter dem Ausschluss der (gegenseitigen) Eitelkeit, das Prinzip sich (gegenseitig) nicht stören zu lassen (…)«. Foto: Robert Wilson in einer Hotelbar. Foto: © Jo Röttger, Hamburg.

 

Deutscher Soldat in Mazar-e Sharif, Afghanistan. Wie wurde aus einem »Wagner-Projekt« Landscape & Memory? Foto: © Jo Röttger, Hamburg.
Deutscher Soldat in Mazar-e Sharif, Afghanistan. Wie wurde aus einem »Wagner-Projekt« Landscape & Memory? Foto: © Jo Röttger, Hamburg.

 

So nah und doch so fern: Hamburg-Süd, ein Blick aus Jo Röttgers Fenster. Fotos: © Jo Röttger, Hamburg.
So nah und doch so fern: Hamburg-Süd, ein Blick aus Jo Röttgers Fenster. Fotos: © Jo Röttger, Hamburg.

 

Über Jo Röttger
Jo Röttger wurde 1954 geboren. Er studierte Fotografie an der Fachhochschule Dortmund, u.a. bei dem renommierten Reportagefotografen Ulrich Mack. 1981 begann seine Karriere als Fotojournalist beim ZEIT-Magazin in Hamburg. Im Bereich Corporate Photography arbeitete u.a. mit dem Visuellen Gestalter Otl Aicher (1922–1991) zusammen. 1984 wurde er Mitglied der Fotografengruppe Visum. Jo Röttger arbeitet neben eigenen Langzeitprojekten für verschiedene internationale Magazine. Er lebt in Hamburg. www.joroettger.com

 

Resüme
Ein Fotograf muss warten und vertrauen können …
Die Fotografin Elke Selzle sprach mir aus dem Herzen: »Ich habe es genossen mal wieder einen ernsthaften Fotografen zu sehen«. Dieses »ernsthaft« kann ich auch so formulieren: glaubwürdig, keine PR-Phrasen, kein Blabla, einfach sein Ding machen, keine Allüren – tolle Fotografie! Dieser Abend war eines der persönlichsten Ateliergespräche, was daran lag, dass Jo Röttger sehr persönlich und ohne Scheu über seine Betrachtungsweisen, über seine Fotografie sprach. Mit den Worten von Silvi Buchenberg (Deutsches Museum, München): Inspiration ist alles!

 

Jo Röttger begann seine Werkschau mit den Fotografien »Light and Shape« aus der Serie »Wilson´s Word«. Hier eine Straße in Texas, dem Heimatstaat Robert Wilson´s.
Jo Röttger begann seine Werkschau mit den Fotografien »Light and Shape« aus der Serie »Wilson´s Word«. Hier eine Straße in Texas, dem Heimatstaat Robert Wilson´s.

 

Lena Münzner (Konservatorin und Restauratorin für audiovisuelles und fotografisches Kulturgut, HTW Berlin), Tochter von Jo Röttger. Sie war die Assistentin Ihres Vaters, als er Robert Wilson erstmals im Zuge einer Auftragsarbeit fotografierte.
Lena Münzner (Konservatorin und Restauratorin für audiovisuelles und fotografisches Kulturgut, HTW Berlin), Tochter von Jo Röttger. Sie war die Assistentin Ihres Vaters, als er Robert Wilson erstmals im Zuge einer Auftragsarbeit fotografierte.

 

Hier eine Szene aus dem Part »Deutsche Soldaten in Afghanistan« (Gebirgsjaegerbataillon 232 üben für den Afghanistaneinsatz in den bayerischen Alpen). Was mich persönlich erstaunte, war, dass das Publikum zu diesem Themenschwerpunkt die meisten Fragen stellte. Andererseits, wann bekommt man schon aus erster Hand Informationen über den Krieg in Afghanistan? Das Thema wird ja in Deutschland so gut wie totgeschwiegen.
Hier eine Szene aus dem Part »Deutsche Soldaten in Afghanistan« (Gebirgsjaegerbataillon 232 üben für den Afghanistaneinsatz in den bayerischen Alpen). Was mich persönlich erstaunte, war, dass das Publikum zu diesem Themenschwerpunkt die meisten Fragen stellte. Andererseits, wann bekommt man schon aus erster Hand Informationen über den Krieg in Afghanistan? Das Thema wird ja in Deutschland so gut wie totgeschwiegen.

 

Jo Röttger fotografiert die Gäste seines Ateliergesprächs.
Jo Röttger fotografiert die Gäste seines Ateliergesprächs.

 

Erste Reihe von links: Elke Selzle (Fotografin, Berlin und NYC), Ingo Krehl (Mediengestaltung, Berlin) und Szilvia Sztankovits (Berlin). Rechts: Marina Maksy (Berlin).
Erste Reihe von links: Elke Selzle (Fotografin, Berlin und NYC), Ingo Krehl (Mediengestaltung, Berlin) und Szilvia Sztankovits (Berlin). Rechts: Marina Maksy (Berlin).

 

Rechts: Svenja Andresen (Grafikdesign und Art Direction, Berlin).
Rechts: Svenja Andresen (Grafikdesign und Art Direction, Berlin).

 

Jo Röttger begleitete Robert Wilson auch in die Türkei. Hier 2007 in einem Sufigebetsraum in Istanbul.
Jo Röttger begleitete Robert Wilson auch in die Türkei. Hier 2007 in einem Sufigebetsraum in Istanbul.

 

Nina Fleck (Nina Fleck Design, Berlin).
Nina Fleck (Nina Fleck Design, Berlin).

 

Zum Schluss zeigte Jo Röttger noch Motive aus der Reportage »Masuren«. Er folgte dabei den Spuren der Flucht von Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002), einst Mitherausgeberin der Wochenzeitung »Die Zeit«.
Zum Schluss zeigte Jo Röttger noch Motive aus der Reportage »Masuren«. Er folgte dabei den Spuren der Flucht von Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002), einst Mitherausgeberin der Wochenzeitung »Die Zeit«.

 

Thorsten Wittmeier (München).
Thorsten Wittmeier (München).

 

Zum Schluss noch herzlichen Dank an Jo Röttger für seine Mühen und seine Zeit, an Christina Sautter für die Hilfeleistung und natürlich ein Merci an meine Gäste, die trotz Pfingsferien ins wilde Kreuzberg fanden.

Wolfgang Beinert
Everything good is fragile … Save it!
Berlin, 20. Juni 2011

 

Buchempfehlung

Ende 2009 publizierte Hannes Wanderer den Fotoband Wilson's World von Jo Röttger. Der Fotograf hat den großen Theatermann Robert Wilson auf seinem rastlosen globalen Flug begleitet. Im Watermill Center, Long Island, in seinem Apartment in New York, bei Vorbereitungen und Proben verschiedener Inszenierungen in Warschau, Paris, Berlin und Taiwan, bei der Begegnung mit Derwischtänzern in Istanbul und Athen, bei der Eröffnung der VOOM Ausstellung in New York. Jo Röttge: Wilson’s World. Mit einem Vorwort von Andrzej T. Wirth, 216 Seiten, ISBN 978-3-941825-03-1.
Ende 2009 publizierte Hannes Wanderer den Fotoband Wilson’s World von Jo Röttger. Der Fotograf hat den großen Theatermann Robert Wilson auf seinem rastlosen globalen Flug begleitet. Im Watermill Center, Long Island, in seinem Apartment in New York, bei Vorbereitungen und Proben verschiedener Inszenierungen in Warschau, Paris, Berlin und Taiwan, bei der Begegnung mit Derwischtänzern in Istanbul und Athen, bei der Eröffnung der VOOM Ausstellung in New York. Jo Röttge: Wilson’s World. Mit einem Vorwort von Andrzej T. Wirth, 216 Seiten, ISBN 978-3-941825-03-1.

 

Weiterführende Informationen
Fotobuch »Landscapes & Memory« des Fotografen Jo Röttger im Design Portfolio von Wolfgang Beinert.